Europäisches Solidaritätskorps als Chance für Europa?

Einleitung

Es gibt viele Diskussionen darüber, ob und wie tief die EU in der Krise steckt. Brexit, die Flüchtlingsthematik und Legitimationsprobleme – befindet sich die EU und ihre BürgerInnen in einer Solidaritätskrise?

Große Herausforderungen auf nationaler sowie auf europäischer Ebene sind die hohe Jugendarbeitslosigkeit sowie die nationalistischen und populistischen Tendenzen. Ein wichtiges Element, um diesem Trend entgegenzuwirken, ist junge Menschen mit möglichst vielen praktischen Fertigkeiten und sozialen Fähigkeiten auszustatten. Um Solidarität mit und in Europa zu fördern, braucht es ein passendes Umfeld – eines, in dem persönliches Engagement und Partizipation ermöglicht wird. Die Teilnahme an EU-geförderten Programmen wie Erasmus+: Jugend in Aktion hilft jungen Menschen, neben Projektmanagement auch Fähigkeiten wie kritisches Denken, Verantwortungsbewusstsein, Selbstwert, Toleranz und Bewusstsein für interkulturelles Zusammenleben zu entwickeln und zu stärken.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat in seiner Rede zur Lage der Union 2016 betont, dass es »viele junge und sozial denkende Menschen in Europa gibt, die sich gesellschaftlichen Herausforderungen stellen und Solidarität zeigen wollen.« Eine neue EU-Initiative greift diesen Gedanken auf und vereint verschiedene jugendrelevante Themen, wie Mobilität, Freiwilligentätigkeit, Praktika und Jobs unter einem Schirm: dem Europäischen Solidaritätskorps (ESK). Acht EU-Programme, darunter Erasmus+: Jugend in Aktion, das European Health Programme, LIFE, AMIF, EaSi, das Europe for Citizens Programme, Interreg Volunteer Youth Initiative sowie der Agricultural Fund, beteiligen sich derzeit am ESK und schaffen so neue Möglichkeiten für junge EU-BürgerInnen.

Ein spezifisches Ziel des Europäischen Solidaritätskorps ist das Interesse und die Teilnahme von jungen Menschen an gesellschaftsrelevanten Projekten weiter zu steigern und mehr Jugendliche zu erreichen. Lt. einer Studie des internationalen Forschungsnetzwerkes RAY* zum Programm Erasmus+: Jugend in Aktion geben 95 Prozent aller TeilnehmerInnen an, wichtige persönliche und soziale Fähigkeiten im Rahmen eines Mobilitätsprojekts erlernt zu haben. Steigerungen konnten vor allem bei den Werten wie »Ich fühle mich Europäisch«, »Ich schätze kulturelle Vielfalt« oder »Ich engagiere mich in der Zivilgesellschaft« festgestellt werden. Diese Ergebnisse zeigen, dass der Mehrwert von Erasmus+ eindeutig gegeben ist und dienen als Grundlage für den weiteren Ausbau des Programms, das verstärkt auf aktive Bürgerschaft und ein nachhaltiges Europa abzielt. 

Nach oben

Die Nationalagenturen für Erasmus+: Jugend in Aktion sind europaweit zuständig für die Verwaltung des ESKs. Dabei steht neben freiwilligem Engagement vor allem solidarisches Handeln im Fokus dieser Initiative. Neu ist dabei vor allem die Vielfältigkeit der Formate. Neben bewährten Freiwilligenprojekten, wie man sie bereits aus Erasmus+: Jugend in Aktion kennt, sollen in Zukunft auch Praktika, Jobs sowie Solidaritätsprojekte auf lokaler und regionaler Ebene gefördert werden. Darüber hinaus werden Einsätze national und international möglich. Vor allem im Hinblick auf die Einbindung von benachteiligten Jugendlichen bieten nationale Projekte eine Möglichkeit, um die Einstiegshürden sowohl in den Freiwilligen- wie auch in den Beschäftigungsbereich zu verringern. Durch diesen ersten Schritt – so hoffen die ProgramminitiatorInnen – kann es bei jungen Menschen, die z.B. soziale, gesundheitliche oder finanzielle Hürden zu meistern haben, in weiterer Folge zu einer Steigerung der Beteiligung an internationalen Projekten kommen.

Nach oben

Die unterschiedlichen Formate des ESKs

Freiwilligenprojekte können für Einzelpersonen oder auch für Gruppen beantragt werden. Einsatzstellen sind gemeinnützige Organisationen oder auch Gemeinden, die langfristig mit den jungen Menschen zusammenarbeiten wollen (Bsp. Unterstützung in einem Behindertenwohnheim, in einem Kindergarten) oder mit einer Gruppe von Freiwilligen an konkreten Projekten arbeiten (z.B. Wiederaufbau nach Naturkatastrophen). Des Weiteren zielen Kurzzeiteinsätze für Einzelpersonen speziell auf die Einbindung von Jugendlichen mit erhöhtem Förderbedarf ab.

Praktika und Jobs werden im Rahmen von Solidaritätseinsätzen, sprich in Einsatzstellen, die einen klaren solidarischen Fokus haben (z.B. Unterstützung und Integration von MigrantInnen, Essensausgabe für arme Menschen, Unterstützungstätigkeit bei ländlicher Entwicklung), ermöglicht.

Nach oben

Solidaritätsprojekte stellen für Jugendliche ein besonders attraktives Format dar, da sie selbst die Initiative ergreifen und lokale Projekte umsetzen können. Ziel ist, die gesellschaftlichen Herausforderungen im eigenen Umfeld zu erkennen und durch konkrete Aktivitäten zur Verbesserung der Situation beizutragen.

Die Stärkung der Gemeinschaft und Steigerung der Solidarität spiegeln sich in diesen unterschiedlichen Formaten des Europäischen Solidaritätskorps wider. Gleichzeitig stellt der Erwerb von sozialen Kompetenzen ein Kernelement in der Entwicklung junger Menschen dar und ist ein wichtiger Bestandteil bisheriger Projektformate in Erasmus+. Non-formales Lernen gilt nach wie vor als Herzstück der Jugendprogramme und kann den Solidaritätsgedanken sinnvoll ergänzen.

Nach oben

Die Europäische Idee

Die Förderung aktiver, demokratischer und europäischer Bürgerschaft ist ein wichtiges Element für eine weitere Vertiefung der EU. Die Auseinandersetzung mit »Europäischen Werten« kann aktuellen populistischen und undemokratischen Tendenzen in Europa entgegensteuern. Das Europäische Solidaritätskorps (ESK) strebt erhöhte Partizipation und Lernmobilität an, die sich positiv auf die sprachlichen, persönlichen und interkulturellen Kompetenzen der TeilnehmerInnen auswirken. Durch das ESK kommt es zu einer Weiterführung der Zielsetzung von Erasmus+ und eine Teilnahme erhöht darüber hinaus die Beschäftigungsfähigkeit junger Menschen. Im Hinblick auf benachteiligte Jugendliche bzw. auch die Flüchtlings- und Migrationsthematik hat das ESK die Notwendigkeit von Beteiligungsmöglichkeiten und Solidaritätsprojekten erkannt und fördert durch die vielschichtigen Projektformate einen positiven Umgang mit Diversität. 

Ausblick

Im Mai 2018 gehen die Verhandlungen zum ESK auf EU-Ebene in die letzte Runde. Diskussionen und Stellungnahmen von unterschiedlichen Stakeholdern müssen noch berücksichtigt werden und fließen in die finalen Verhandlungen ein. Festzuhalten ist in jedem Fall, dass der Grundgedanke konkrete Beteiligungsmöglichkeiten für Jugendliche zu schaffen, richtig ist. Das ESK setzt damit ein wichtiges Signal, um die Solidarität mit und in Europa zu stärken. 

Nach oben


Beitrag in den Europa-Nachrichten Nr. 2 vom 1.3.2018

Für den Inhalt sind die AutorInnen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

Zurück zu den Europa-Nachrichten

Autorin

Christine Keplinger ist seit Mai 2016 im IZ - Nationalagentur für Erasmus+: Jugend in Aktion tätig. Die gelernte Politikwissenschafterin ist zuständig für die Etablierung und Implementierung des Europäischen Solidaritätskorps in Österreich.

Kontakt: christine.keplinger(at)iz.or.at

Nach oben

Redaktion BBE Europa-Nachrichten

BBE-Newsletter für Engagement und Partizipation in Europa
Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE)

Michaelkirchstr. 17/18
10179 Berlin

Tel: +49 30 62980-114
E-Mail: europa-bbe(at)b-b-e.de


Aktuelle Meldungen

21.06.2018

14. startsocial-Wettbewerb: BundespreisträgerInnen stehen fest!

Am 20. Juni 2018 hat Bundeskanzlerin Angela Merkel, Schirmherrin von startsocial, im…

mehr…

20.06.2018

studentische/r MitarbeiterIn: DFRV

Der Deutsche Fundraising Verband e.V. (DFRV) vereint als gemeinnütziger Fachverband haupt- und…

mehr…

18.06.2018

CampaignerIn: ADFC

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e. V. (ADFC) ist mit mehr als 170.000 Mitgliedern und über 450…

mehr…