Das Europäische Solidaritätskorps - die Vorbereitung des Programms geht in die Schlussphase

Eine Antwort auf die Krise der Europäischen Union

Der Zustand der Europäischen Union gibt nach wie vor Anlass zu Sorge um die Zukunft Europas. Das europäische Projekt war und ist einer ständigen Entwicklung unterworfen. Dabei ist eine insgesamt beeindruckend positive Geschichte des Zusammenwachsens von Staaten genauso Teil der Erzählung wie Misserfolge und Rückschläge. So weit, so normal und selbstverständlich. Nach Jahrzehnten der Erweiterung war die von Populismus angetriebene Brexit-Entscheidung des Vereinigten Königreichs allerdings eine neue Wegmarke für ein wachsendes Misstrauen gegenüber einem offenen und solidarischen Europa. Mangelnde Solidarität, nationale Selbstbezogenheit und das Erstarken rechtspopulistischer Strömungen haben den Kontinent erfasst und drohen die europäische Idee zu zerstören. Inzwischen geht es um die Bewahrung von europäischen Grundlagen und Werten und die Vermeidung des Rückfalls in die Zeiten des Nationalismus. Es braucht die Erneuerung der europäischen Idee, eine neue europäische Erzählung auf der Grundlage eines von Millionen Menschen gelebten europäischen Alltags. 

Nach oben

Junge Menschen müssen die Chance erhalten, dazu einen Beitrag zu leisten, der ihnen die Gewissheit verschafft, ihre Zukunft in einem Europa leben zu können, an dem sie selbst aktiven Anteil haben können.

Es geht um die Neu(be)gründung Europas, um eine Rückbesinnung auf die Werte und die Identität Europas. Es braucht eine breite gesellschaftliche Initiative, die Europa gegen antieuropäische Tendenzen verteidigt, für die Stärkung europäischer Identität, europäischen Bewusstseins und europäischen Engagements. Dabei stehen vor allem junge Menschen im Mittelpunkt, für die Europa nicht nur ihre jetzige, sondern auch ihre zukünftige Lebensgrundlage darstellt.

Nach oben

Freiwilliges Engagement junger Menschen als Merkmal für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Europa

Es gibt keine aktive europäische Bürgerschaft ohne Motivation zum freiwilligen Engagement. Die Praxis aus dem bisherigen Europäischen Freiwilligendienst zeigt: Eigene Erfahrungen sind eine ideale Voraussetzung, sich für Europa nachhaltig zu engagieren. Lernerfahrungen durch grenzüberschreitende Mobilität sind Teil gesellschaftlicher Teilhabe junger Menschen in Europa. Dabei geht es vor allem um die Stärkung von Eigenständigkeit, und darum, europäische Handlungskompetenzen zu erwerben, sich in Europa zu orientieren, Fremdsprachen zu sprechen, interkulturell kommunizieren zu können, Europa zu verstehen, darin zu leben und sich zu engagieren, zu lernen und zu arbeiten. Wer ein soziales, solidarisches Europa will, muss allen jungen Menschen Lernerfahrungen durch grenzüberschreitendes Engagement ermöglichen – als Normalität statt als Ausnahme. 

Nach oben

Der Europäische Freiwilligendienst, der seit 1996 erfolgreich europaweit umgesetzt wurde und an dem bislang jährlich 10.000 junge Menschen teilgenommen haben, ist der bislang weitest gehende Ausdruck eines europäischen Engagements junger Menschen.

Diesen Anspruch greift das Europäische Solidaritätskorps als neue Initiative der Europäischen Union auf. Es schafft Möglichkeiten für junge Menschen, sich in gemeinwohlorientierten Freiwilligen- oder Beschäftigungsprojekten in ihrem eigenen Land oder im Ausland zu engagieren, die Gemeinschaften und Menschen in ganz Europa zugutekommen. Damit fördert das Programm das Engagement und die aktive europäische Bürgerschaft junger Menschen. Aktive Bürgerschaft bedeutet Verantwortungsübernahme, Beteiligung und Mitgestaltung von Politik und Gesellschaft in Europa.

Nach oben

Das Europäische Solidaritätskorps – Solidarität in und mit Europa als Programm

Mit der Einführung des Europäischen Solidaritätskorps (ESK) als eigenständigem EU-Programm beginnt eine neue Phase in der Geschichte der europäischen Jugendförderprogramme. Dem Vorschlag der Kommission folgend, soll nun zusätzlich 100.000 jungen Menschen bis 2020 die Möglichkeit gegeben werden, ihrer Solidarität in Europa Ausdruck zu verleihen.

Und so war der Ausgangspunkt des Europäischen Solidaritätskorps eben der erbärmliche Zustand der Europäischen Union nach der Brexit-Entscheidung des Vereinigten Königreichs im Juni 2016. Die EU braucht starke Signale, die den Zusammenhalt in und zwischen den Mitgliedstaaten stärken und fördern. Die Mitgliedstaaten sind aufgefordert, deutlich mehr Verantwortung für die EU zu übernehmen. Das Solidaritätskorps bietet, insbesondere jungen Menschen, die Möglichkeit, sich sowohl solidarisch gegenüber und mit anderen Menschen zu zeigen, als auch Solidarität über Grenzen hinweg zu zeigen und damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Europa zu stärken.

Nach oben

Im Mai 2017 legte die Kommission einen Vorschlag zur Festlegung des rechtlichen Rahmens für das Europäische Solidaritätskorps vor.

Konkret bietet die Teilnahme am Europäischen Solidaritätskorps jedem teilnehmenden jungen Menschen eine wertvolle Erfahrung. Sie ist hilfreich für die eigene persönliche und soziale Entwicklung und den Erwerb von Schlüsselkompetenzen. Damit kann das Programm z.B. Teilnehmer/-innen bei Bewerbungen um einen Arbeits- oder Studienplatz unterstützen. Das Solidaritätskorps legt damit die Grundlage für nachhaltiges gesellschaftliches Engagement über das eigentliche Projekt hinaus.

Im Vergleich mit dem bisherigen Europäischen Freiwilligendienst im Programm Erasmus+ wird das ESK um eine beschäftigungspolitische Komponente erweitert. Neben den Freiwilligenaktivitäten bietet das ESK auch Praktika oder Jobs für die die Teilnehmer/-innen eine Aufwandsentschädigung erhalten.

Nach oben

Die Idee: Eine ESK-Community

Das Programm fördert nicht nur die individuell teilnehmenden jungen Menschen, sondern erreicht in seiner Wirkung auch die beteiligten Organisationen, Träger und Einrichtungen vor Ort. Damit unterstützt das Programm die Vernetzung und den Aufbau einer europäischen Zivilgesellschaft. Eine Herausforderung, denn wenn Europa sozial und lebensweltlich sein soll, dann müssen sich Träger und Einrichtungen im Bereich des freiwilligen Engagements, der Kinder- und Jugendhilfe und der politischen Bildung das Thema Europa weitaus mehr als bisher zu eigen machen. Das Solidaritätskorps kann ein Beitrag und ein Anstoß für eine Erneuerung der europäischen Idee sein.

Der Rechtsvorschlag der EU-Kommission liest sich wie ein großes Programm mit verschiedenen Aktionslinien. Er umfasst Freiwilligendienste, Praktika, Jobs, Solidaritätsprojekte und Netzwerkaktivitäten. Die Projekte werden von Einrichtungen und Organisationen umgesetzt, die zuvor geprüft und für die Durchführung von Projekten des Europäischen Solidaritätskorps akkreditiert wurden. Dafür wird die Kommission voraussichtlich ein neues Qualitätslabel einführen.

Das Europäische Solidaritätskorps, als zweites Programm neben Erasmus+ JUGEND IN AKTION, soll weitgehend dezentral von den Nationalen Agenturen umgesetzt werden, die auch jetzt für den Jugendbereich in Erasmus+ zuständig sind.

Nach oben

Die Perspektive Europäischer Bildungsraum 2025

Noch nie war das Thema Jugend so hoch auf der politischen Agenda der Europäischen Union. Das Bild von einem Bildungsraum Europa 2025, das die Europäische Kommission auf dem informellen Treffen der Staats- und Regierungschefs im November 2017 in Göteborg entworfen hat, verdeutlicht den großen Wachstumsbedarf für Erasmus+ und das künftige Europäische Solidaritätskorps in den nächsten Jahren. Hintergrund ist die, vor allem bei politischen Entscheidungsträgern, gewachsene Erkenntnis über die Bedeutung von Bildung und Kultur für die europäische Identität und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Europa. Grenzüberschreitende Mobilität zu Bildungszwecken soll künftig für alle bzw. viel mehr junge Menschen ermöglicht werden, weshalb eine massive Aufstockung der Mittel für Erasmus+ und das Europäische Solidaritätskorps für die nächste Förderperiode erwartet wird. Voraussichtlich wird die Europäische Kommission in den kommenden Monaten im Rahmen ihrer mittelfristigen Finanzplanung mindestens eine Verdoppelung der Mittel für die Programme für den Zeitraum 2021 - 2027 vorschlagen, was ein Budget von 29,4 Mrd. EUR (derzeit 14,8 Mrd. Euro) erfordern würde. 

Nach oben

Das Europäische Solidaritätskorps vor dem Start

Doch zunächst gilt es, das Europäische Solidaritätskorps tatsächlich abschließend an den Start zu bringen. Der eigentlich für den Beginn des Jahres 2018 vorgesehene Programmauftakt verzögert sich durch die noch andauernden Verhandlungen über das Programm im Europäischen Parlament. Der EU-Jugendministerrat hatte bereits im November seinen Standpunkt zum Europäischen Solidaritätskorps beschlossen. Wichtiger Baustein der Position des Rates war die Ausweitung der Teilnahmeländer analog zum bisherigen Europäischen Freiwilligendienst im Programm Erasmus+ JUGEND IN AKTION sowie eine Stärkung des transnationalen Charakters des Solidaritätskorps. 

Nach oben

Das Europäische Parlament wird seine Position zum Europäischen Solidaritätskorps in diesen Tagen verabschieden. Die vorgesehene Fördermöglichkeit für Arbeitsstellen und Praktika im Programm sowie das Budget werden dann noch einmal wesentliche Diskussionspunkte im sogenannten Trilog sein, bei dem die Positionen von Kommission, Rat und Parlament mit dem Ziel einer Einigung abschließend verhandelt werden. Der endgültige Programmstart soll dann bis Mitte des Jahres erfolgen.

Bei jungen Menschen trifft das ESK bisher durchaus auf ein breites Interesse. Bis Ende 2017 haben sich weit über 43.000 Bewerber/-innen und über 6.300 Organisationen über das Europäische Jugendportal für das Solidaritätskorps registriert. Bis Januar 2018 wurden 2.678 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Europäischen Solidaritätskorps vermittelt und haben ihren Dienst angetreten.

Nach oben


Beitrag in den Europa-Nachrichten Nr. 2 vom 1.3.2018

Für den Inhalt sind die AutorInnen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

Zurück zu den Europa-Nachrichten

Autor

Manfred von Hebel ist Leiter für Strategien und Projekte bei JUGEND für Europa – Deutsche Agentur für das EU-Programm Erasmus+ JUGEND IN AKTION.

Kontakt: vonhebel(at)jfemail.de

Weitere Informationen:
https://europa.eu/youth/SOLIDARITY_de  
www.jugendpolitikineuropa.de 

Nach oben

Redaktion BBE Europa-Nachrichten

BBE-Newsletter für Engagement und Partizipation in Europa
Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE)

Michaelkirchstr. 17/18
10179 Berlin

Tel: +49 30 62980-114
E-Mail: europa-bbe(at)b-b-e.de


Aktuelle Meldungen

21.06.2018

14. startsocial-Wettbewerb: BundespreisträgerInnen stehen fest!

Am 20. Juni 2018 hat Bundeskanzlerin Angela Merkel, Schirmherrin von startsocial, im…

mehr…

20.06.2018

studentische/r MitarbeiterIn: DFRV

Der Deutsche Fundraising Verband e.V. (DFRV) vereint als gemeinnütziger Fachverband haupt- und…

mehr…

18.06.2018

CampaignerIn: ADFC

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e. V. (ADFC) ist mit mehr als 170.000 Mitgliedern und über 450…

mehr…