Erbe für Kreativität und Entwicklung – Beiträge der Zivilgesellschaft

Einleitung

Das Europäische Kulturerbe-Jahr 2018 will das kulturelle Fundament des europäischen Friedens- und Gemeinschaftsprojekts neu ins Bewusstsein heben. In der Tat ist der europäische Raum aktuell großem politischen und kulturellen Stress ausgesetzt. Das freiheitlich-demokratische Gesellschafts- und Politikmodell, für das insbesondere Europa steht, sieht sich von einem neuen Autoritarismus herausgefordert. Vor allem jüngere Europäer*innen sind angesprochen, sich aktiv zu beteiligen. Wie sieht eine kulturelle DNA als Europäer aus, die nicht nur national geprägt ist?

Was kann solch ein offizielles Jahr bewirken?

Die aktuelle Krise bietet insbesondere auch Künstlerinnen und Künstlern sowie Aktiven der Zivilgesellschaft die Chance, Gespräche darüber zu initiieren, wer wir sind und wer wir sein wollen, wie wir leben und wie wir leben wollen. Gemeinsames Nachdenken in Zeiten einer immer schnelleren und tiefgreifenderen Transformation ist wesentlich, um den nötigen Freiraum der Selbstbestimmung und der kulturellen Identifikation zu schaffen.

Europa interessiert die Leute weltweit. »Was haben die Europäer gegenüber China und Russland zu bieten?«, fragen sich viele. Wie steht es um die Europäischen Nachbarschaften, besonders auch mit dem südlichen Mittelmeerraum (MENA Region)? Begreift die europäische Zivilgesellschaft, begreifen die Regierungen diese Nachbarschaftspolitik in der traditionellen geopolitischen Perspektive nationaler Interessen oder als gemeinsame europäische Aufgabe? Die Qualität der europäischen Partnerschaftspolitik hängt davon ab, dass sie kohärent ist, über nationalen Sonderinteressen steht und dass sie im Sinne gute Nachbarschaftspolitik den tatsächlichen Bedürfnissen der Gesellschaften der Partnerländer entgegenkommt.

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Europäische Union und MENA-Region

In den letzten zehn Jahren haben gut 500 Partner aus der EU und aus der MENA-Region zahlreiche Kultur-Kooperationen auf den Weg gebracht, darunter sehr interessante Projekte zum audio-visuellen Erbe der Region, zu Wasserfragen, zu kultureller Praxis im Bereich des Immateriellen Kulturerbes, zu neuen Kultur-Impulsen für Regionalentwicklung und zur Stärkung wichtiger Sektoren wie Musik und Film, auch mit dem Ziel produktive Arbeitsplätze für gut ausgebildete arbeitslose junge Frauen und Männer zu schaffen. Die innovative Kultur-Praxis der Zivilgesellschaft in der MENA Region ist jedoch sowohl in der Region selbst als auch in Europa noch zu wenig bekannt. Gemeinsam mit der Europäischen Kulturstiftung und je einem marokkanischen und libanesischen-syrischen Partner veröffentlicht die Deutsche UNSECO-Kommission im März 2018 als Beitrag zum ECHY eine elektronische Publikation prägnanter Beispiele, wie die Künstlerresidenz »Erbe für Kreativität und Entwicklung« an der Universität von Al-Quaraouyine, Fez, einer der ältesten Universitäten weltweit [1].

Die kulturelle Zusammenarbeit mit den Ländern der MENA-Region ist angesichts der jüngsten politischen Entwicklungen in dieser Region mit besonderen Chancen und zugleich Herausforderungen konfrontiert. Die Konzepte des geteilten Erbes und der Förderung von Kreativität, die von der UNESCO sehr erfolgreich und effektiv entwickelt werden, bieten hier die größten Chancen, ein wechselseitiges Verständnis und eine Offenheit zu erzeugen, die in der tagespolitischen und kulturellen Konfrontation allzu leicht verloren geht.

Kulturkooperation, künstlerischer Austausch, Initiativen im Kulturwirtschaftsbereich und die Verbindung von Erbe, Kreativität und Entwicklung können wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturfragen und -blockaden nicht direkt lösen. Sie stärken jedoch im konkreten Fall Personen, Aktivitäten und Gruppen insbesondere in der Zivilgesellschaft, die sich hierfür aktiv einsetzen, und denen kulturelle Ressourcen Mut und Klarheit geben, machbare Zukunftsbilder zu entwerfen.

Wenn wir lernen – und dafür sind noch einige Wegstrecken zurückzulegen - , uns kulturell als Europäer zu begreifen und engere nationale Formatierungen aufzulockern, dann werden wir auch den Mittelmeerraum als historischen, gegenwärtigen und zukünftig gemeinsam zu gestaltenden Kulturraum ganz neu schätzen lernen, der ein zentrales Element in der Entstehung und für die Zukunft Europas ist. Wenn dies eines der Ergebnisse des EYCH wäre, dann wäre das gar nicht so schlecht.

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Beitrag in den Europa-Nachrichten Nr. 1 vom 6.2.2018

Für den Inhalt sind die AutorInnen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autorin

Christine M. Merkel ist Historikerin und Psychologin. Als Leiterin des Fachbereichs Kultur, Kommunikation, Memory of the World der Deutschen UNESCO-Kommission ist sie zuständig für die Umsetzung der UNESCO-Konventionen zur Vielfalt Kultureller Ausdrucksformen und zum Immateriellen Kulturerbe. Christine M. Merkel ist Ko-Autorin des UNESCO-Weltberichts 2018, »Kulturpolitik Neu / Gestalten«. 2011-2018: Projektleitung CONNEXXIONS und SouthMed CV (MedCulture Programm) zur Kulturkooperation mit der Zivilgesellschaft in den Transformationsländern der MENA Region. 2008-2010 war sie Vorsitzende des Kulturausschusses des Europarates.

Kontakt: merkel(at)unesco.de; kultur(at)unesco.de 

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